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Die Wahrheit ist hier drin

 

»Sie wissen also nicht, was als Nächstes geschah?«

»Nein, das versuche ich Ihnen doch schon seit über einer Stunde klarzumachen.« Es ist sinnlos, die Geduld zu verlieren, schließlich macht das Anzuggeschwader mir gegenüber nur seine Arbeit. Ich widerstehe der Versuchung, mich am Kopf zu kratzen, an dem Verband auf der Wunde hinter meinem rechten Ohr. »Das Einzige, woran ich mich erinnern kann, ist, wie ich am nächsten Tag im Krankenhaus aufgewacht bin.«

»Papperlapapp.« Ungläubig zwinkere ich mit den Augen. Hat da wirklich gerade jemand Papperlapapp gesagt? Tatsächlich, der Typ, der so aussieht, als hätte ihn die Katze des Totengräbers irgendwo ausgegraben und ins Haus gebracht. Derek oder so. Er erwidert mein Zwinkern aus wässrigen Augen. »Laut Ihrem medizinischen Befund, Seite 4, Absatz 6 –«

Ich warte, während alle brav ihre Papiere durchblättern. Niemand hat es für nötig gehalten, mir    ebenfalls eine Kopie zukommen zu lassen. »Prellung und Haarriss der rechten okzipitalen Hemisphäre, leichter Bluterguss und Abschürfungen, die auf ein schweres Objekt hinweisen.« Ich drehe den Kopf, um ihnen den Verband zu zeigen. Dabei zucke ich heftig zusammen, weil meine Halswirbel noch immer wehtun, obwohl schon fast eine Woche vergangen ist. Eines wird einem in diesen verdammten Detektivgeschichten ja immer verschwiegen: wie verflucht weh es tut, wenn man einen mit dem Totschläger übergezogen bekommt. Stimmt gar nicht, kein Totschläger, sondern ein schwerer Gegenstand, der ausschließlich an Außendienstler der Schwarzen Kammer ausgegeben wird und die Kriterien des US-Militärstandards 534-5801 erfüllt.

»Das können wir also als gesicherten Kenntnisstand annehmen«, meint der lebende Tote. »Fahren Sie bitte fort.«

Ich seufze. »Ich bin in einem Krankenhauszimmer mit einer Nadel im Arm aufgewacht. Irgendeine Marionette ihres Geheimdienstes passte auf mich auf. Nach einer Stunde kam jemand, der behauptete, Karohemds Boss zu sein, und begann, mir unangenehme Fragen zu stellen. Es hatte ganz den Anschein, als ob seine Behörde die Vorkommnisse und das Haus bereits im Auge gehabt hatte, und nachdem ich ihm die Vorfälle im Motel zum dritten Mal erklärt hatte, glaubte er mir, dass nicht ich, sondern ein anderer seinen Intelligenzallergiker ins Jenseits befördert hat. Nun wollte er wissen, warum ich mich in der Nähe des Hauses aufgehalten hatte. Ich erklärte ihm, dass Mo mich angerufen und höflich um Hilfe gebeten hatte. Nach dem sechsten Mal glaubte er mir schließlich und ging. Am nächsten Morgen brachte man mich zum Flughafen und setzte mich ins nächste Flugzeug.«

Das Schlachtross aus der Buchhaltung, das neben Derek sitzt, starrt mich an. »Business-Klasse«, zischt die Frau. »Ich vermute, Sie wollten sich auf dem Rückflug noch etwas Gutes tun?«

Wie bitte? »Das hatte nichts mit mir zu tun«, protestiere ich. »Hat man die Rechnung etwa –«

»Ja.« Andy spielt gedankenverloren mit seinem Stift, während eine Fliege gegen die Energiesparlampe über unseren Köpfen knallt.

»Oh.« Nicht genehmigte Ausgaben ziehen zwar nicht gleich die Todesstrafe nach sich, sind aber neben Gehorsamsverweigerung und Meuterei so ziemlich der sicherste Weg zur Frühpensionierung. Während der Thatcher-Jahre soll es sogar Büroklammer-Revisionen gegeben haben, bis jemand auf die Folgen für die Arbeitsmoral hinwies. »Nicht schuldig«, platzt es aus mir heraus, ehe ich mich bremsen kann. »Ich habe nicht darum gebeten. Es passierte, nachdem alles schiefgelaufen war und außerdem war ich noch bewusstlos.«

»Niemand beschuldigt dich des Diebstahls der Kronjuwelen, zumindest nicht in größerem Umfang, als du die Befugnis dazu hattest«, beruhigt mich Andy und wirft Derek einen niederschmetternden Blick zu. Dann fragt er: »Was mich allerdings interessieren würde, ist die Frage, warum du sie aufgespürt hast. Die Standardanweisung für solche Situationen heißt doch, so schnell wie möglich zu verschwinden, sobald deine Tarnung aufgeflogen ist. Warum bist du dort geblieben?«

»Ich –« Meine Lippen sind trocken, denn auf diese Frage habe ich schon gewartet. »Ich wollte eigentlich weg. Ich saß schon im Auto und befand mich auf dem Weg zum Flughafen, direkt nach dem Zwischenfall im Motel. Und ich hätte es auch geschafft, wenn da nicht Mos Anruf gewesen wäre.«

Nervös fahre ich mir mit der Zunge über die Lippen. »Mein Auftrag lautete, zu eruieren, ob eine Ausreise möglich ist. Folglich nahm ich an, dass Mo es wert sein muss, ihre Ausreise auch zu ermöglichen. Es tut mir aufrichtig leid, wenn dies nicht der Fall sein sollte, aber was sie am Telefon sagte, klang verdächtig nach Entführung. Das zusammen mit Karohemds Tod hätte meiner Meinung nach ein noch schlimmeres Ergebnis bedeutet als ein Abbruch. Also improvisierte ich und lokalisierte sie.

Ich habe mir die ganze Sache seitdem immer wieder durch den Kopf gehen lassen. Was hätte ich tun sollen? Ich hätte natürlich herausfinden können, wo sie festgehalten wurde und zum Motel zurückkehren, um in Erfahrung zu bringen, wer diesen Spion geschickt hat. Oder ich hätte direkt zum Flughafen fahren und vom Flugsteig aus anrufen können. Ich kann nur sagen, dass ich zu involviert war. Irgendein Scheißkerl hatte gerade versucht, mich über den Jordan zu schicken; zudem spionierten die Amerikaner Mo aus. Als ich sie anrief, fingen sie den Anruf ab, weshalb ich ihnen auch mitteilen konnte, wo sie Mo finden. Aber sie wussten es mit aller Wahrscheinlichkeit sowieso schon. Die Alarmglocken müssen bei ihnen schon geläutet haben, als Mo mich anrief.«

Ich nehme das Glas Wasser, das vor mir auf dem Tisch steht, trinke es in einem Zug leer und stelle es wieder hin.

»Irgendein amerikanischer Geheimdienst – weiß der Geier, hinter welchem Akronym er sich versteckt – beschattete Mo und nahm mich ins Visier, als wir das erste Mal Kontakt aufnahmen. Es war ein abgekartetes Spiel. Wer auch immer hinter ihrer Entführung und dem Mordversuch an mir steckt, hat diese Leute offensichtlich überrascht. So stand das nämlich nicht im Drehbuch. Es ist mir klar, dass ich mich in den ersten Flieger hätte setzen sollen, aber zu diesen Zeitpunkt war sowieso schon alles zu spät. Wer zum Teufel waren diese Irren überhaupt? Eine Riesenbeschwörung in aller Öffentlichkeit –«

»Das brauchen Sie nicht zu wissen«, unterbricht mich Derek rüde. »Vergessen Sie es einfach.«

»Okay.« Ich lehne mich zurück. Mein Kopf schmerzt unerträglich. »Habe schon verstanden.«

Mein dritter Inquisitor mischt sich nun mit dünner Stimme ein: »Aber das war noch nicht alles, Robert, oder?«

Ich blicke sie verärgert an. »Wahrscheinlich nicht, nein.«

Bridget ist eine Blondine aus einer der obersten Etagen, die nach ganz yuppie-weit oben will. Sie hat bereits den Kabinettsposten im Visier. Ihr Aufgabengebiet besteht einzig und allein darin, ihren Untergebenen das Leben zur Hölle zu machen. Dafür hat sie diverse Handlanger, deren Anführer Harriet ist. Teilnahmslos und anscheinend nur des Protokolls wegen legt sie los: »Ich bin über die Organisation dieses Auftrags nicht sehr glücklich. Es sollte nicht schwer sein, eine Kontaktperson zu treffen und die Situation abzuwägen. Wir hätten es schon fast unserem Konsul überlassen können, der kurz nach seinen Schäfchen schaut. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber Robert ist nicht gerade das, was man einen erfahrenen Außendienstler nennen kann, und hätte nicht mit einer solchen Situation konfrontiert werden dürfen, ohne vorher das notwendige Training –«

»Es war kein feindliches Territorium«, unterbricht Andy.

»Aber eines ohne bilaterales Abkommen. Wir haben derzeit kein Übereinkommen mit den Amerikanern, Geheimdienstinformationen auszutauschen. Es liegt kein solcher Vorschlag auf dem Verhandlungstisch und auch auf höherer Ebene besteht keinerlei Informationsaustausch. Muss ich mich deutlicher ausdrücken? Robert war exponiert, er war ohne Aufsicht und erhielt keinerlei Unterstützung vom oberen Management. Als die Sache außer Kontrolle geriet, versuchte er offenbar sein Bestes, was aber leider einfach nicht gut genug war.« Sie lächelt Andy strahlend an. »Für das Protokoll möchte ich festhalten, dass Robert zusätzliches Training benötigt, ehe ihm weitere Solo-Einsätze zugeteilt werden. Außerdem finde ich es unerlässlich, dass wir die Umstände, unter denen dieser Einsatz zustande gekommen ist, genau untersuchen, um festzustellen, ob diese Vorgehensweise symptomatisch ist und somit vielleicht eine Schwachstelle in unserer Planungsorganisation darstellt.«

Na großartig! Andy sieht beinahe so angewidert aus, wie ich mich fühle. Bridget hat uns alle gerade in Grund und Boden verdammt, indem sie uns scheinheilig und ausgesprochen schwächlich gelobt hat. Mein Bestes ist also nicht gut genug, und ich benötige dringend Extra-Betreuung, ehe ich aus dem Kindergarten darf. Derek, Andy und die anderen, die mit der Mission etwas zu tun hatten, dürfen nun sicher Bridgets lange, neugierige Nase in ihren Abteilungen willkommen heißen und jede Aktion vor ihr rechtfertigen. Und wenn dann nicht jedes Papier, jede Abrechnung, jede Entscheidung gewissenhaft geprüft und fünfmal umgedreht worden ist und Bridget auch nur einen Hauch von Fahrlässigkeit oder Unaufmerksamkeit wittern sollte, wird sie das der obersten Etage garantiert sofort melden und freudig mit dem Finger auf die Schuldigen zeigen. Natürlich wird jeder, der zu widersprechen wagt, als »extrem unprofessionell« abgestempelt. Machtkämpfe nach Wäscherei-Art.

»Mein Kopf tut weh«, murmele ich, »und meine innere Uhr behauptet, dass es zwei Uhr früh sei. Gibt es noch irgendwelche Fragen? Ich würde mich nämlich ganz gerne nach Hause begeben und für ein oder zwei Tage hinlegen.«

»Nimm ruhig den Rest der Woche frei«, meint Andy. »Wenn du wiederkommst, haben wir alles geregelt.« Ich stehe auf. Dank meines augenblicklichen Zustands denke ich nicht weiter darüber nach, was er genau unter »alles geregelt haben« versteht.

»Bitte lassen Sie mir Ihren offiziellen Bericht zukommen«, fügt Bridget hinzu, ehe ich entkommen kann. »Bitte halten Sie sich an das Diensthandbuch Vier, Kapitel elf, Abschnitt C. Es hat keine Eile, Ende nächster Woche möchte ich allerdings den Bericht auf meinem Schreibtisch haben.«

Schriftliches Beweismaterial für bösartige Machenschaften der Bürokraten. Ich fahre nach Hause und freue mich schon auf ein heißes Bad und mindestens achtzehn Stunden Bettruhe.

Zu Hause sieht es immer noch so aus wie vor sieben Tagen. Ein Haufen Rechnungen vergilbt unter einem Küchentischbein – zumindest wackelt er nicht mehr. Der Mülleimer quillt über, eine Eigenschaft, die er mit der Spüle teilt, und Pinky hat die Brotbackmaschine nicht sauber gemacht, seit der sie das letzte Mal benutzt hat. Ich öffne den Kühlschrank, nur um einen gebrauchten Teebeutel und ein wenig Milch zu finden, die vielleicht noch ein oder zwei Tage gut ist, ehe ein Vertrauensvotum beantragt werden muss. Ich mache mir also einen Tee und spiele Tetris auf meinem Palmtop. Farbige Bausteine rieseln wie Schnee vor meinen Augen herab, und ich versuche abzuschalten. Aber leider kommt mir immer wieder die Realität in die Quere: In meinem Koffer wartet Schmutzwäsche, in meinem Zimmer ebenfalls und während Pinky und Brain bei der Arbeit sind, habe ich zumindest die Maschinen für mich.

Ich verdränge die Rechnungen erfolgreich und schleppe den Koffer die Treppe hoch. Mein Zimmer sieht so aus, wie ich es in Erinnerung habe – und plötzlich wird mir bewusst, wie sehr ich es hasse, so zu leben. Ich hasse die abgewetzten Möbel, die unser geschmacksscheuer Vermieter ausgesucht hat. Ich hasse es, meine Privatsphäre mit zwei schlampigen Intelligenzbestien zu teilen, die obendrein noch nie von Knigge gehört, geschweige denn ihn gelesen haben und explosiven Hobbys frönen. Ich hasse es, meine Persönlichkeit durch meinen Eid, stets arm zu bleiben, derart einzuschränken – damit meine ich meine Unterschrift auf der Wäscherei-ID-Karte. Mühsam ziehe ich den Koffer ins Zimmer, während sich vor mir eine gewaltige Wand aus Erschöpfung und Verzweiflung auftürmt. Dann beginne ich, die schmutzigen Klamotten in Haufen zu sortieren.

Hinter mir ertönt ein Schniefen.

Ich drehe mich blitzschnell um und taste dabei nach dem Affenhändchen, das sich nicht mehr in meiner Tasche befindet. Erst dann dämmert es mir, und ich hole tief Luft. »Du hast mich vielleicht erschreckt! Was machst du hier?«

Nur die obere Hälfte ihres Kopfes schaut unter der Decke hervor. Sie blinzelt mich müde an. »Was glaubst du denn?«

Ich wäge die nächsten Worte vorsichtig ab: »Du schläfst in meinem Bett?«

Sie räkelt und streckt sich. »Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass du heute zurückkommst und da habe ich krankgemacht – ich wollte dich sehen.«

Ich setze mich auf die Bettkante. Mhari hat braune Haare mit blonden Highlights, die sie alle paar Wochen auffrischen lässt. Es ist so geschnitten, dass sich die kurzen Locken um meine Finger wickeln, wenn ich ihr über den Kopf fahre. »Wirklich?«

»Ja, wirklich.« Ein nackter Arm erscheint aus den Tiefen der Bettdecke, schiebt sich um meine Hüfte und zieht mich zu ihr herab. »Ich habe dich vermisst. Komm her.«

Meine Wäsche muss wohl erst einmal warten. Stattdessen schaffe ich es gerade noch, mich auszuziehen, ehe sich Mhari auf mich stürzt. Unter der Decke ist sie völlig nackt und scheint sehr darauf erpicht zu sein, mich herzlich willkommen zu heißen – mit allem, was dazu gehört. »Was soll das?«, versuche ich noch zu fragen, aber da packt sie schon meinen Kopf und presst meinen Mund gegen eine ihrer steil aufgerichteten Brustwarzen. Nachricht angekommen. Mhari will es, und das ist im Grunde die einzige Situation, in der man unsere Beziehung als »gut« bezeichnen könnte. Außerdem bin ich über eine Woche weg gewesen und ein Überfall dieser Art ist das Beste, was mir in letzter Zeit passiert ist.

Ungefähr eine Stunde später liegen wir ineinander verschlungen auf dem Bett. Mhari gibt Töne von sich, die an das Schnurren einer Katze erinnern. »Was hat dich denn da gepackt?«, will ich wissen.

»Ich habe dich gebraucht«, erwidert sie mit einem naiven Egoismus, auf den jede Katze stolz gewesen wäre. Sie umfasst meine Schultern. »Hatte eine schlechte Woche.«

»Eine schlechte Woche?« Ich übe mich weiterhin im Zuhören. Normalerweise läuft zwischen uns alles gut, bis ich den Mund aufmache.

»Es fing damit an, dass es im Büro drunter und drüber ging. Eric war krank, und ich durfte seinen Fall übernehmen, der sich als totales Chaos herausstellte. Dann war da noch Judys Party. Sie füllte mich erfolgreich ab und stellte mich einem ihrer Freunde vor. Ein richtiges Arschloch, aber das habe ich erst hinterher gemerkt –«

Ich wende mich ab. »Ich wünschte, du würdest das nicht tun«, höre ich mich sagen.

»Was denn?« Sie hört sich verletzt an.

Ich seufze. »Ach, nichts.« Plötzlich fühle ich mich schrecklich schmutzig. »Ich gehe unter die Dusche«, sage ich und stehe auf.

»Bob!«

»Schon gut.« Ich schnappe mir ein benutztes Handtuch vom Boden und mache mich auf den Weg zum Badezimmer, um Mhari von mir abzuwaschen.

Mhari hat ein Problem – und dieses Problem bin ich. Ich sollte ihr direkt ins Gesicht sagen, dass sie endlich abhauen und mich in Frieden lassen soll. Ich sollte ihr die kalte Schulter zeigen, die eiskalte Schulter. Aber es macht wirklich Spaß mit ihr, wenn es gut läuft zwischen uns und im Bett weiß sie ganz genau, welche Knöpfe sie drücken muss. Aber schon im nächsten Moment holt sie aus und trifft mich da, wo es am meisten wehtut. Mein Problem ist, dass Mhari mich ständig gegen einen besseren Freund eintauschen will, sozusagen ein besseres Modell. Nach dem Motto: Neues Modell, neues Glück. Und wenn dieser neue Typ dann auch noch eine neue Rolex trägt – umso besser. Da sind solche Kerle, die für die Wäscherei arbeiten und einen schrägen Sinn für Humor haben, eher geduldet als gewünscht. Bei Mhari ist das Hinwegtrösten ein Dauerzustand, entweder um sich von mir oder von jemand anderem zu erholen und zwischendurch benutzt sie mich wie eine Katze einen Kratzbaum. Zum Beispiel Judys Party: Judy ist eine stumpfe Management-Tussi, stets adrett herausgeputzt, die es immer wieder versteht, mich zu einem kleinen Schuljungen zu degradieren, wobei sie natürlich viel zu höflich ist, um das jemals direkt auszusprechen. Wenn Mhari also mit einem von Judys Doppelglasfenster-Vertretern ins Bett springt und am nächsten Morgen unsanft hinausbefördert wird, darf ich als Fußabtreter und Tröster im Bett herhalten.

Mhari scheint nicht zu verstehen, dass mir diese Art von Beziehung an die Nieren geht. Wenn ich doch mal darauf zu sprechen komme, wird mir vorgeworfen, ich sei eifersüchtig, und ich fühle mich dann prompt schuldig! Wenn ich aber den Mund halte und nichts sage, macht sie einfach so weiter. Aber wer weiß? Vielleicht bin ich ja auch nur paranoid, und Mhari sucht nicht nach dem neuen Super-Freund. (Klar, und Wildschweine mit Flügeln und Düsentriebwerken sind in der Warteschleife über Heathrow gesichtet worden.)

Noch ist es nicht vorgekommen, dass ich Fremde aus meinem Bett scheuchen musste, aber mit Mhari ist das nur eine Frage der Zeit. Das Schlimmste daran ist allerdings, dass ich nicht einfach Schluss machen kann. Ich wünschte nur, sie würde endlich mit diesen verdammten Spielchen aufhören. Wahrscheinlich leide ich ja unter akuter Selbsttäuschung, aber noch hoffe ich, dass wir es irgendwie hinbekommen. Vielleicht.

Ich habe es bis zur Dusche geschafft und wasche mir gerade die Haare, als die Tür aufgeht. »Ich mag es einfach nicht, von deinen One-Night-Stands zu hören«, sage ich mit geschlossenen Augen, damit mir kein Shampoo hineinläuft. »Es will mir einfach nicht in den Kopf, dass du bei mir bist, obwohl du doch offensichtlich jemand anderen suchst. Könntest du mich jetzt bitte allein lassen?«

»Oh, tut mir leid«, erwidert Pinky und schließt die Tür hinter sich.

Er steht immer noch vor dem Bad, als ich rauskomme. Wir vermeiden jeglichen Blickkontakt, als er sagt: »Du kannst ruhig in dein Zimmer – sie ist weg.«

»Oh, super.«

Er folgt mir die Treppe hinunter. »Sie hat mich gebeten, mit dir zu reden«, ruft er mir hinterher.

»Wie nett«, erwidere ich kalt. »Solange sie dich nicht bittet, dein Bett mit mir zu teilen.«

»Sie meint, du solltest dich locker machen«, sagt Pinky und zuckt bei seiner Wortwahl selbst zusammen.

Ich stelle den Wasserkocher in der Küche an und setze mich. »Mal im Ernst. Meinst du wirklich, dass ich ein Problem habe?«, bohre ich nach. »Oder ist es Mhari, die aus der Spur geraten ist?«

Verlegen schaut er auf den Boden. »Könnte es sein, dass eure Lebenskonzepte einfach nicht zusammenpassen?«

Im Wasserkocher fängt es an zu sprudeln. »Sehr schön. Inkompatible Lebenskonzepte also. Mann, das hört sich so verdammt zivilisiert an.«

»Bob, hast du noch nie darüber nachgedacht, dass sie das alles nur tun könnte, um deine Aufmerksamkeit zu erregen?«

»Nun, es gibt positive und negative Wege, um an meine Aufmerksamkeit zu kommen. Meinen Stolz und mein Selbstbewusstsein mit einem Knüppel so lange niederzuprügeln, bis nichts mehr davon übrig ist, lässt mich natürlich aufhorchen, aber das Seltsame ist, dass ich dann nicht mehr so gut drauf bin.« Ich gieße noch ein bisschen mehr heißes Wasser über den Teebeutel, stehe auf und öffne den Küchenschrank. Ah, noch genau da, wo ich es hingestellt habe. Mein Tee erhält einen guten Schuss Jamaika-Rum. Noch einen Löffel braunen Zucker und fertig ist der Zaubertrank. »Das männliche Selbstwertgefühl ist ein Kuriosum. Es mag zwar die Größe eines kleinen Kontinents haben, zerbricht aber bei der kleinsten Berührung. Willst du auch etwas trinken?«

Pinky setzt sich vorsichtig und betrachtet mich wie eine tickende Zeitbombe. »Warum siehst du das Ganze nicht mal etwas positiver?«

»Ich könnte das Ganze auch positiv sehen?«

»Ja, denn sie kommt immer wieder zu dir zurück«, sagt er. »Vielleicht tut sie das alles, um sich selbst zu verletzen?«

»Um –« Ich halte inne; die höhnische Bemerkung, die mir auf der Zunge liegt, kann warten. Wenn Mhari ihre Depressionen bekommt, hat sie wirklich Depressionen. Ich kenne die Narben zur Genüge. »Darüber muss ich erst einmal nachdenken«, erwidere ich.

»Tja«, sagt Pinky und ist recht zufrieden mit sich. »Sieht das nicht schon viel besser aus? Sie tut es, weil sie depressiv ist und sich selbst hasst. Mit dir oder irgendwelchen Unzulänglichkeiten deinerseits hat es wenig zu tun. Und noch viel weniger mit deiner Männlichkeit, du alter Schwerenöter. Du könntest ja mal selbst einen One-Night-Stand ausprobieren. Damit würdest du sie vor die Wahl stellen.«

»Ist das deine Vorstellung von locker machen?«

»Weiß nicht. Ich habe mich noch nie eingehender mit dem Brut- und Paarungsverhalten auseinandergesetzt«, meint er und spielt mit seinem Schnurrbart.

»Vielen Dank, Pinky«, sage ich schwermütig. Er deutet eine Verbeugung an, ehe er den Inhalt seines Glases leert. Ich schenke ihm nach. Der Rest des Nachmittags versinkt in Nebel. Als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich einen wahnwitzigen Kater und erinnere mich nur vage an ein stundenlanges Gespräch mit Mhari, das in einem schrecklichen Streit endete. Und jetzt bin ich allein.

Also alles beschissen, wie immer.

 

Zwei Tage später bin für einen Orientierungs- und Objektivitätskurs im Mülleimer eingeschrieben. Nur Gott allein, Bridget und vielleicht noch Boris – auch wenn er keinen Ton mir gegenüber darüber verliert – wissen, warum ich bereits drei Tage nach meiner Rückkehr an einem O&O-Kurs teilnehmen muss. Aber es ist wohl besser, wenn ich mich dort blicken lasse, sonst kann ich vermutlich einpacken.

Der Mülleimer gehört nicht zur Wäscherei, sondern zum normalen staatlichen Verwaltungsapparat. Also suche ich ein einigermaßen ansehnliches Hemd samt Krawatte heraus – ich bin stolzer Besitzer zweier solcher Kulturstricke, einer davon mit einem Mandelbrot-Muster, der besonders wirkungsvoll Migräne auszulösen vermag – und ziehe noch ein Sportjackett über, das auch schon bessere Tage gesehen hat. Wir wollen schließlich nicht unangenehm auffallen, oder? Nach meinen Erfahrungen mit der Inquisition möchte ich auf jeden Fall vermeiden, dass mein Name in Bridgets Umfeld in den nächsten zwölf Monaten auch nur erwähnt wird. Auf dem Weg zur U-Bahn bemerke ich, dass ich mich nicht rasiert habe und als ich schon im Zug sitze, fallen mir die zwei verschiedenen Socken auf, die ich trage – einer braun, der andere schwarz. Na ja, ich habe mir Mühe gegeben. Und wenn ich Besitzer eines Anzugs wäre, würde ich ihn jetzt tragen!

Der Mülleimer ist unser Spitzname für ein großes, überladenes postmodernes Gebäude am südlichen Ufer der Themse mit einer grünen Glasfassade und einem großen luftigen Innenhof voll dekorativer Pflanzen. Im Mülleimer ist eine bürokratische Organisation untergebracht, die für ihre dreistündigen Mittagspausen und eine eindrucksvolle Liste von KGB-Agenten berühmt ist.

Der Bau des Mülleimers hat den Steuerzahler zweihundert Millionen Pfund gekostet. Das Gebäude rühmt sich eines wunderbaren Ausblicks über die Themse und auf das Parlament. Und er ist voll stinkendem Müll. Wir als loyale Diener der Krone und Verteidiger der Menschheit gegen unzählige, unaussprechliche Horrorgestalten verschiedenster Dimensionen dürfen hingegen weiterhin in einem muffigen viktorianischen Käfig mitten in Hackney unseren Dienst verrichten. Diese Ungerechtigkeit wird dadurch erklärt, dass die Wäscherei einmal Teil einer Schirmorganisation namens SOE war. Heutzutage ist die Wäscherei die einzige noch überlebende Unterorganisation der SOE, die den bürokratischen Kürzungen der Nachkriegsjahre standzuhalten vermocht hat. Der blanke Hass, der zwischen SIS (alias DI6) und SOE herrschte, war geradezu legendär.

Ich gehe die Stufen zum Hintereingang des Mülleimers hinauf und betrete das Gebäude durch eine fensterlose Tür am Ende eines mit Kunstmarmor verkleideten Gangs. Eine Sekretärin, die aussieht, als wäre sie aus Porzellan, winkt mich durch den biometrischen Scanner. Ich habe das Gefühl, dass sie mich als Aussätzigen betrachtet, den es mehr oder weniger zu ignorieren gilt. Sie führt mich in eine mit einer harten Holzbank ausgestattete Kabine, wo ich mich wohl wie zu Hause fühlen soll. Eine Tür öffnet sich, und ein großer Mann mit kurzen Haaren, weißem Hemd und schwarzer Krawatte sagt nach einem kurzen Räuspern: »Robert Howard, folgen Sie mir bitte.« Also folge ich ihm. Er legt mir eine Kette mit einer ID-Karte um den Hals, ehe er mich durch einen Metalldetektor geleitet, um mich dann noch einmal mit einem dieser Zauberstäbe, wie sie an Flughäfen benutzt werden, erneut abzusuchen. Ich beiße die Zähne zusammen. Diese Leute wissen genau, wer ich bin und für wen ich arbeite – wozu also diese Oscarreife Show? Doch wohl nur, um mir ihre Position reinzudrücken.

Er nimmt mir mein Leatherman-Multitool, den Palmtop, meine Taschenlampe, ein Mini-Schraubenzieher-Set, eine faltbare Tastatur, einen MP3-Player, mein Handy, einen digitalen Multimeter und einige Rangierkabel ab, die ich schon ganz vergessen hatte. »Was ist das denn alles?«, verlangt er zu wissen.

»Verlasst Ihr denn das Haus ohne Handschellen und ID-Karte? Das hier sind meine Werkzeuge.«

»Ich werde Ihnen einen Beleg dafür geben«, erklärt er mit einem kritischen Blick, ehe er meine Sachen in ein Schließfach legt. »Bitte stellen Sie sich diesseits der roten Markierungslinie auf.« Ich tue, wie mir befohlen wird. Irgendetwas an ihm lässt meinen eingebauten Polizeialarm losgehen; Sonderkommission als eine Art Portier? Natürlich. »Zeigen Sie diesen Beleg vor, wenn Sie das Haus verlassen, um Ihre Sachen zurückzubekommen. Sie dürfen jetzt die rote Markierungslinie überschreiten. Folgen Sie mir bitte. Öffnen Sie unter keinen Umständen geschlossene Türen oder betreten Sie Bereiche, wo ein rotes Licht leuchtet. Sprechen Sie außerdem mit niemandem ohne mein ausdrückliches Einverständnis.«

Ich folge meinem Aufpasser durch ein Labyrinth kleiner Kabinen, von denen eine wie die andere aussieht. Dann geht es mit einem Lift drei Etagen höher, wo wir in einen Korridor voller Gummibäume kommen. Schließlich stehen wir vor einer Tür, die zu einer Art Klassenzimmer führt. »Sie dürfen jetzt wieder sprechen; alle Anwesenden haben mindestens Ihren Sicherheitsstatus«, belehrt er mich. »Ich werde Sie um fünfzehn Uhr abholen. In der Zwischenzeit dürfen Sie sich auf dieser Etage frei bewegen. Es gibt eine Kantine, wo Sie Mittag essen werden, die Toilette ist dort um die Ecke. Aber verlassen Sie unter keinen Umständen die Etage.«

»Und wenn ein Feuer ausbricht?«

Sein verächtlicher Blick könnte auch noch die letzte Pflanze hier verwelken lassen. »Das hätten wir umgehend unter Kontrolle. Bis um fünfzehn Uhr also«, sagt er. »Und keine Sekunde früher.«

Ich betrete das Klassenzimmer und frage mich, ob der Lehrer schon da ist.

»Bob, schön, Sie zu sehen. Bitte nehmen Sie Platz. Ich hoffe, Sie haben uns problemlos gefunden?«

Das fängt ja gut an. Es ist Nick der Bart. »Danke, Nick. Alles wunderbar«, erwidere ich. »Wie läuft es in Cheltenham?« Nick ist eine Art technischer Ingenieur vom CESG, der Abteilung des britischen Geheimdienstes, die sich mit Kryptografie und dergleichen beschäftigt. Sie befinden sich zusammen mit dem Abhördienst in Cheltenham. Ab und zu kommt er uns in der Wäscherei besuchen, um zu überprüfen, ob unsere Software auch ordnungsgemäß lizenziert ist und nur abgesegnete Programme den Tempel, den unsere Festplatten darstellen, betreten. Sobald es also heißt, dass Nick uns mal wieder beglücken wird, bin ich Tag und Nacht damit beschäftigt, auf alle Festplatten der Abteilung eine speziell für diese Zwecke vorbereitete, nagelneue Installation aufzuspielen. So sind alle zufrieden und können danach weitermachen wie bisher, ohne dass unsere IT-Abteilung auf die schwarze Liste gesetzt und das Budget gekürzt wird. Trotzdem ist Nick so weit ganz in Ordnung, was allerdings der Grund dafür ist, warum ich mich jetzt so unwohl fühle. Es ist mir einfach unangenehm, nette Kerle wie den Satan persönlich oder einen Microsoft-Vertreter behandeln zu müssen.

»Sie haben mich vor zwei Monaten hierher versetzt. Vollzeit. Miriam hat jetzt eine Stelle in der City, und wir spielen mit dem Gedanken, ganz nach London zu ziehen. Hast du Sophie schon gesehen? Ich glaube, sie leitet den Kurs hier.«

»Nein, noch nicht. Wer kommt denn sonst noch? Und was weißt du über Sophie? Bisher hat sich noch keiner die Mühe gemacht, mir etwas über diesen Kurs mitzuteilen. Ich weiß nicht einmal, wozu ich eigentlich hier bin.«

»Warte mal.« Er kramt in seiner Aktentasche herum, holt ein Stück Papier heraus und reicht es mir: Orientierung und Objektivität 120.4: Kontakte im Ausland.

Ich lese die Beschreibung: Dieses Seminar soll den Teilnehmern die geeignete Einstellung vermitteln, um Verhandlungen mit Repräsentanten alliierter Behörden zu führen. Es werden u. a. typische Problematiken und Fallstricke genauer analysiert, um optimale Verfahren herauszuarbeiten und sich diese zu eigen zu machen. Eine proaktive Herangehensweise, um operative Einverständnisse mit extraterritorialen Parteien zu integrieren, wird nicht unterstützt. Stattdessen wird ein Protokoll für diplomatische Hilfsgesuche vorgestellt. Status: Die erfolgreiche Teilnahme an diesem Seminar und die Lösung der damit verbundenen Aufgaben sind für Einsätze im Ausland der Kategorie 2 (nicht-alliiert) zwingend erforderlich.

»Interessant«, murmele ich gelangweilt. »Wirklich toll.« Vielen Dank, Budget.

»Dabei wollte ich doch nur die Fabrik in Taiwan besichtigen, die unsere PCs herstellt«, murrt Nick vor sich hin. »Alles Teil unseres ISO-Zertifikationsprozesses. Ich muss prüfen, ob man die optimalen Verfahren in der Hauptplatinen-Fertigung und den darauffolgenden Testeinheiten einhält …«

Die Tür öffnet sich. »Hallo, Nick. Schön, dich zu sehen. Wie geht es Miriam?«

Ein Neuer. Sieht aus wie ein stereotyper Schullehrer: ein dünner, schmächtiger Mann mit dicker Hornbrille und sich lichtendem Haar. So wie er in den Raum hüpft, könnte man meinen, er bestünde aus Sprungfedern.

Nick scheint ihn zu kennen: »Miriam geht es gut, sehr gut. Und wie steht es mit dir? Bob, das hier ist Alan. Oder kennt ihr euch bereits?«

»Alan?« Ich strecke ihm die Hand entgegen. »Welche Abteilung? Wenn ich fragen darf.«

»Ah –« Er schüttelt meine Hand mit einer Heftigkeit, die geradezu schmerzhaft ist. Dann wirft er mir einen seltsamen Blick zu. »Wahrscheinlich besser nicht, aber so ist es eben, nicht wahr?« Über die Schulter hinweg wendet er sich wieder an Nick: »Hillary geht es blendend, tut sich allerdings mit den ganzen Waffen etwas schwer. Wir müssen uns vermutlich bald einen neuen Waffenschrank zulegen, und die Mietwohnung in Maastricht ist die reine Hölle.«

Waffen? »Alan und ich sind im selbem Schießsportverein«, erklärt Nick. »Als vor ein paar Jahren so viel Aufhebens um das Thema Waffenbesitz gemacht wurde, hat man uns vor die Wahl gestellt: Wir sollten sie entweder in ein Land verfrachten, wo sie legal sind, oder sie abgeben. Die meisten haben sie abgegeben und dürfen sie nur noch im Verein benutzen. Alan aber hatte andere Pläne.«

»Handfeuerwaffen?«

»Nein, von der größeren Sorte. Nur als Zeitvertreib, versteht sich. Ich bin nur ein Amateur, aber  Alan hier, der nimmt das Ganze schon etwas ernster – er hat schon für die Olympiade trainiert.«

»Eine unverschämte Verletzung unserer Rechte«, schnaubt Alan. »Den eigenen Staatsbürgern nicht über den Weg zu trauen, und das nur wegen ein paar automatischer Waffen! Das ist kein gutes Zeichen. Aber was kann man schon tun?«

»Hätte schlimmer kommen können«, meint Nick und geht zu einem Tisch in der Nähe der Tür, wo eine große Thermoskanne steht. »Ah, Kaffee!«

Warum habe ich den nicht schon früher entdeckt?

»Wo soll es denn bei Ihnen hingehen?«, fragt     Alan.

»Nirgendwohin. Bin gerade erst zurückgekommen.« Ich zucke mit den Schultern. »Ich wusste nicht einmal, dass es diesen Kurs gibt.«

»Geschäftlich oder privat?«

»Milch und Zucker, Alan?«

»Geschäftlich. Ich wünschte, es wäre privat gewesen. Aber so erhielt ich keinerlei Einweisung und nichts war so, wie ich mir das vorgestellt hatte.«

»Milch, keinen Zucker, bitte. Klingt mir ganz nach dem typischen Wäscherei-Chaos.«

»Ja, so kann man das nennen. He, könnte ich auch einen Kaffee bekommen?«

»Ja, ja, das kenne ich nur zu gut«, meint Nick. »Keiner denkt auch nur daran, einem Bescheid zu sagen –« Ich gähne. »Müde?«

»Ja, Jetlag, danke der Nachfrage.« Ich puste auf meinen Kaffee.

In diesem Moment öffnet sich die Tür, und eine Frau in einem braunen Tweedkostüm betritt den Raum – das wird wohl Sophie sein. »Hallo, alle zusammen«, begrüßt sie uns. »Alan, Nick – und Sie müssen Bob sein.« Ein kurzes Lächeln huscht über ihr Gesicht. »Schön, dass Sie alle da sind. Heute werden wir erst einmal ein paar grundsätzliche Dinge besprechen, um Ihnen noch einmal die ordnungsgemäßen Abläufe ins Gedächtnis zu rufen, wie man mit ausländischen Behörden umzugehen hat, während man im neutralen oder befreundeten, aber nicht alliierten Ausland tätig ist.« Sie legt ihre übervolle Aktentasche auf das Pult vor ihr.

»Nur um das noch kurz klarzustellen: Sie fliegen alle drei in Kürze nach Kalifornien, nicht wahr?«

»Nicht ganz, ich bin gerade zurückgekommen«, erkläre ich.

»Ach, dann müssen Sie den Kurs 120.4 ja bereits absolviert haben. Sind Sie zum Auffrischen hier?«

Ich hole tief Luft. »Nun, um die Wahrheit sagen: Bis vor Kurzem war weder mir noch meinen Vorgesetzten überhaupt bekannt, dass es dieses Seminar gibt.«

»Nun gut!« Sie lächelt fröhlich. »Das bekommen wir sicher hin. Hoffentlich war Ihr Einsatz erfolgreich und ist ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen! Dieser Kurs behandelt schließlich Verfahren, die nur in Notfällen angewendet werden müssen.« Ihre Hand verschwindet in der riesigen Aktentasche und holt drei große Aktenordner hervor. »Dann wollen wir mal anfangen.«

 

Es sind sechs Wochen vergangen, seitdem ich für den Außendiensteinsatz zugelassen wurde, und drei Wochen seit meiner Rückkehr aus Santa Cruz. Die vergangenen zwei Wochen musste ich endlose Seminare besuchen, deren einziger Zweck darin zu bestehen scheint, meine Gedanken in die richtigen Bahnen zu lenken. Ich glaube, mein Kopf platzt bald vor Langeweile!

Als Strafe für meine Sünden bin ich in ein winzig kleines Büro im Dansey-Flügel des Service-House abkommandiert worden, in eine Besenkammer in der hintersten Ecke unter dem Dach. Vor mir steht eine wertvolle Antiquität, von der mein Arbeitgeber behauptet, es sei ein Netzwerk-Server. Leider schwächelt die Kiste inzwischen sehr, und nur meine ständige Betreuung hält sie davon ab, ganz den Geist aufzugeben. Wenn ich nicht damit beschäftigt bin, wartet ein Stapel Akten auf mich, der abgelegt werden muss. Zudem wird erwartet, dass ich eine tägliche Zusammenfassung aus diversen klassifizierten Berichten erstelle, die über meinen Schreibtisch wandern. Diese lesen dann einige Leute in den oberen Etagen, ehe sie durch den Aktenvernichter gejagt wird. Zwischendurch soll ich Tee kochen. Alles in allem fühle ich mich wie ein 26-jähriger Laufbursche. Etwas überqualifiziert vielleicht. Um die Schmach noch perfekt zu machen, wurde mir zudem ein neuer Titel verpasst: Stellvertretender Privatsekretär.

Normalerweise müsste mich diese Bezeichnung allein schon in den Wahnsinn treiben. Doch in der Wäscherei bedeutet Sekretär etwas anderes als in der normalen Arbeitswelt – wie fast alles bei uns anders ist. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war ein Sekretär der Assistent eines Gentleman – also ein Geheimnisträger. Nun gibt es in der Wäscherei auch Geheimnisse, insbesondere hier in der Abteilung für arkane Analytik. Hinter mir steht zum Beispiel ein ganzer Schrank voller Geheimnisse. Ein Scherzbold hat auf den Schrank einen Zettel geklebt, auf dem steht: HIER IST DIE WAHRHEIT VERSTECKT – MAN MUSS NUR SUCHEN, SUCHEN, SUCHEN. Jeden Tag lerne ich etwas Neues und abgesehen von der entwürdigenden Aktenablage, einem rachsüchtigen Wasserkocher und dem unter Schizophrenie leidenden Netzwerk-Server, der keiner ist, kann man hier durchaus überleben. Na ja, und dann ist da noch Angleton. Habe ich Angleton bereits erwähnt?

Ich erledige die Arbeit von Angletons Privatsekretär, der entweder ein Jahr in einer Nervenheilanstalt verbringt oder seinen MBA macht oder so etwas. Und Angleton ist mein Problem.

»Mister Howard!« Das ist Angleton, der mich zu sich ins Allerheiligste ruft.

Ich strecke den Kopf um die Ecke. »Ja, Chef?«

»Kommen Sie herein.« Ich trete also ein. Sein Büro ist zwar groß, aber bis zum Rand vollgestopft. Jede Wand dieses fensterlosen Raums ist von oben bis unten mit Aktenschränken zugestellt. Es sind allerdings keine gewöhnlichen Aktenordner, sondern Bände mit Mirofichefilmen. Jeder einzelne enthält ungefähr so viel Information wie die gesamte Encyclopedia Britannica. Auf den ersten Blick erscheint sein Schreibtisch etwas merkwürdig, ein olivgrüner Kasten mit Metallbeschlägen, auf dem ein altes Microfiche-Lesegerät steht. Erst wenn man näher tritt und etwas Ahnung von Computer-Archäologie hat, merkt man, dass Angletons Schreibtisch in Wirklichkeit eine Rarität sondergleichen darstellt. Es handelt sich nämlich um einen antiken Memex – ein Wissensbeschaffungs- und Verwertungs-System der CIA aus den Vierzigerjahren.

Angleton schaut zu mir hoch, als ich eintrete. Sein Gesicht schimmert bläulich vom Licht des Memex-Bildschirms. Er hat nur noch wenige Haare auf dem Kopf, sein Kinn ist zwei Nummern zu klein für den Rest des Körpers, und sein Schädel glänzt wie eine Billardkugel. »Howard. Haben Sie es gefunden?«

»Teile davon, Chef«, erwidere ich. »Einen Augenblick.« Ich kehre in mein Büro zurück und ergreife die riesigen Wälzer, die ich aus den Gedärmen des Service-House ans Tageslicht befördert habe. »Hier sind sie. Wilberforce Tangent und Opal Orange.«

Er nimmt die Wälzer ohne Kommentar entgegen, öffnet den ersten und füttert den Memex mit neuen Microfiches. »Danke, Howard, das ist alles«, entlässt er mich hochmütig.

Ich beiße die Zähne zusammen und überlasse Angleton seinen heiligen Microfiches. Einmal habe ich den Fehler gemacht, ihn zu fragen, warum er eine Maschine benutzt, die in einem Museum besser aufgehoben wäre. Er starrte mich an, als ob ich ihm einen toten Fisch unter die Nase gehalten hätte und meinte dann kühl: »Ein Microfiche-Lesegerät kennt keine Van-Eck-Strahlung.« (Die sogenannte Van-Eck-Strahlung ist das Hintergrundrauschen von Monitoren und kann mit hochempfindlichen Sensoren aus einiger Distanz gemessen und interpretiert werden.) Das war noch am Anfang meiner Strafversetzung, und ich hatte noch nicht gelernt, meinen Mund zu halten. »Und was ist mit dem Tempest-Schild?«, erkundigte ich mich. Daraufhin hat er mich das erste Mal in die Unterwelt des Service-House geschickt, aus der ich nach drei Stunden von einem zufällig vorbeikommenden Vikar gerettet wurde.

Zurück in meinem Reich mache ich mich an die Server-Konsole, logge mich ein, und schon kämpfe ich um die Abteilungsmeisterschaft im Xtank. Fünfzehn Minuten später höre ich Angletons Klingel; ich stelle das Spiel auf Autopilot und mache mich auf den Weg.

Angleton blickt mich über den Brillenrand finster an. »Bringen Sie alles dahin zurück, wo es hingehört, und kommen Sie dann unverzüglich zu mir. Wir müssen reden.«

Ich nehme die Wälzer und verlasse rückwärts sein Büro. Schock-Horror: Er hat mich wahrgenommen!

Die Türen des Fahrstuhls in die Unterwelt schließen sich gerade. Schnell schiebe ich einen Fuß dazwischen, sodass sie sich wieder öffnen. Ich gehe hinein und stehe einer weiblichen Gestalt samt Bücherwagen gegenüber, die mir den Rücken zuwendet.

»Danke«, sage ich, drücke auf den Knopf, und wir machen uns ächzend auf den Weg zum wahrscheinlich tiefsten Punkt in ganz London.

»Kein Problem.« Ich traue meinen Ohren kaum. Das ist doch Dominique mit dem Doktortitel aus Miskatonic: Mo, gestrandet in Nordamerika ohne Chance, dort wieder wegzukommen. Sie dreht sich um und scheint ebenso überrascht zu sein wie ich. »Hallo! Was machen Sie denn hier?«

»Kurz gesagt – man hat mich nach Hause gebracht, nachdem Sie mich angerufen hatten. Hat ganz den Anschein, als ob die Typen, die Sie beschattet haben, über mich gestolpert sind. Aber wie ist es Ihnen ergangen? Ich dachte, Sie durften den Käfig voller Narren nicht verlassen?«

»Sie machen wohl Scherze?« Sie lacht, ohne amüsiert zu klingen. »Ich wurde gekidnappt. Als man mich befreit hatte, wurde ich abgeschoben! Und als ich dann hier eintraf …« Ihre Augen werden schmaler.

Die Lifttür öffnet sich. Wir sind im zweiten Untergeschoss angelangt. »Wurden Sie rekrutiert«, vervollständige ich den Satz und schiebe meinen Absatz in die Tür. »Stimmt doch, oder?«

»Falls Sie da Ihre Hand im Spiel hatten –«

Ich schüttele den Kopf. »Nein, wir sitzen fast im gleichen Boot, das können Sie mir glauben. Etwa zwei Drittel von uns sind auf diese Weise hier gelandet. Aber hören Sie, mein Obergruppenführer wird seine SS-Höllenhunde auf mich hetzen, wenn ich nicht in genau zehn Minuten wieder vor ihm stehe. Aber falls Sie heute Mittag oder Abend Zeit hätten, würde ich Ihnen gerne alles genauer erklären.«

»Dann können Sie sich ja schon mal einige gute Ausreden zurechtlegen, Bob«, erwidert sie und schiebt den Bücherwagen, der mit Bänden über die Schottische Gesellschaft esoterischer Altertümer beladen ist, in meine Richtung.

»Keine Ausreden«, verspreche ich ihr. »Nichts als die Wahrheit.«

»Pah!« Ihr Lächeln ist genauso unerwartet wie rätselhaft. Dann schließt sich die Tür und bringt Mo noch weiter in die Katakomben hinunter.

Die Katakomben befinden sich in einer ehemaligen U-Bahn-Station, die während des Zweiten Weltkriegs als Notbunker gebaut, aber nie Teil des U-Bahnnetzes wurde. Es gibt hier sechs statt der üblichen drei Ebenen. Jede Ebene führt von einer zentralen, gut dreihundert Meter langen, waagerechten Röhre mit etwa acht Metern Durchmesser in eine andere Richtung. Es befinden sich jeweils drei unten und drei oben. Insgesamt existiert hier unten ein circa zwei Kilometer langer Tunnel, und es gibt an die fünfzig Kilometer Regale. Das meiste Material ist auf Microfilme gespeichert – fünfzehn solcher winziger Kärtchen ergeben etwa hundert Buchseiten. In den letzten Jahren wurden zudem goldene CDs eingelagert – ich nehme an, wir lagern hier so um die dreißig- bis vierzigtausend. Das macht zusammengenommen eine Menge Information.

Da ist auch schon das Regal, wohin die Ordner über Wilberforce Tangent und Opal Orange gehören. Ich drehe an der Kurbel, um die Regale auseinanderzurollen und stelle die Akten an ihren Platz. Sie betreffen zwei tote Agenten, die vor vielen Jahren ums Leben kamen. Ich halte inne, als ich neben Opal Orange eine neue Akte mit dem Titel Oger-Realität entdecke. Der Titel fasziniert mich, und als Revoluzzer, der ich nun einmal bin, halte ich mich nicht an die strikten Anordnungen und ziehe den Band heraus. Ich überfliege das Inhaltsverzeichnis und durchblättere einige Papiere. Als ich den Stempel »STRENG GEHEIM« entdecke, will ich die Akte schon wieder zuschlagen. Da stechen mir die Worte »Santa Cruz« ins Auge. Hastig lese ich den Text.

Fünf Minuten später stelle ich den Band zurück ins Regal. Kalter Schweiß läuft mir den Rücken hinunter. Ich rolle die Regale wieder zusammen und eile zum Lift. Angleton darf bloß nicht erfahren, was ich hier unten treibe – erst recht nicht mehr, seitdem ich die Akte gelesen habe. Es scheint ganz so, als hätte ich großes Glück gehabt, überhaupt noch am Leben zu sein …

 

»Hören Sie mir gut zu, Mr. Howard. Sie befinden sich in einer privilegierten Situation, denn Sie haben Zugang zu Informationen, für die andere Leute im wahrsten Sinne des Wortes töten würden. Und weil Sie sozusagen über die Wäscherei hier hereingestolpert sind, ist Ihr Geheimnisträgerstatus deutlich höher, als der eines einfachen Angestellten. Einerseits ist dies recht nützlich; jede Organisation benötigt Nachwuchskräfte mit Zugang zu sehr geheimen Informationen bestimmter Art. Andererseits kann es aber auch eine große Hürde darstellen.« Angleton zeigt mit seinem knochigen Mittelfinger direkt auf mich. »Denn Sie haben keinerlei Respekt.«

Der Typ hat offensichtlich den Film Der Pate zu oft gesehen. Vielleicht mag er auch einfach nur mein T-Shirt nicht. Darauf ist ein Bereitschaftspolizist in Uniform und mit Schlagstock in der Hand zu sehen. Darunter steht: »Autorität ist alles«. Ich schlucke und warte erst einmal ab, was wohl als Nächstes kommen mag.

Angleton seufzt tief und starrt auf die dunkelgrüne Ölfarbe an der Wand hinter mir. »Sie können vielleicht Andrew Newstrom hinters Licht führen, aber bei mir funktioniert das nicht so einfach«, erklärt er.

»Sie kennen Andy?«

»Ich habe ihn ausgebildet, als er ungefähr in Ihrem Alter war. Sein Verantwortungsbewusstsein und sein Engagement sind bewundernswert und heutzutage kaum mehr zu finden. Und ich weiß auch, wie es um Ihr Pflichtbewusstsein steht. Damals wussten wir noch, worauf wir uns einzustellen hatten, sobald wir eingezogen wurden. Aber ihr junges Gemüse heutzutage …«

»Wir fragen nicht, was wir für unser Land tun können, sondern nur, was unser Land je für uns getan hat?« Ich schaue ihn fragend an.

»Zumindest wissen Sie, wo es bei Ihnen hapert«, entgegnet er kalt.

Ich schüttele den Kopf. »Nein, da verstehen Sie mich falsch. Ich habe mich entschlossen, hier Karriere zu machen. Ich weiß, dass ich das nicht muss – ich kenne die Wäscherei –, aber wenn ich ständig nur hier herumsitze und auf meine Pension warte, würde ich mich zu Tode langweilen.«

Er wirft mir erneut einen bohrenden Blick an. »Das wissen wir, Howard. Wenn das hier nur eine Strafversetzung wäre, würden Sie jetzt in den Katakomben herumlungern und bis zur Pensionierung Staubkörner zählen. Ich habe mir Ihre Akte angesehen und weiß, dass Sie intelligent, erfinderisch, einfallsreich, technisch versiert und durchschnittlich mutig sind. Aber leider können Sie sich absolut nicht unterordnen. Sie glauben, ein Recht auf alle Informationen zu haben, die Ihnen in die Quere kommen und für die andere Leute töten würden und es auch tun. Sie gehen nicht den vorgeschriebenen Weg, sondern nehmen Abkürzungen. Sie gehören nicht in eine Behörde und werden es auch nie tun. Wenn ich hier das Sagen hätte, wären Sie schon längst draußen und würden uns nie wieder behelligen.«

»Ich bin aber nun mal hier«, stelle ich fest. »Niemand hat mir jemals Aufmerksamkeit geschenkt, bis ich die Geometriekurven-Iterationsmethode für Nyarlathotep-Beschwörungen gefunden habe und dabei beinahe Birmingham in die Luft gejagt hätte. Auf einmal bot man mir eine Stellung als gehobener Beamter in der Wissenschaft an, wobei klar war, dass eine Ablehnung meinerseits nicht infrage käme. Sollten Sie sich also nicht freuen, dass ich mich dazu entschlossen habe, das Beste daraus zu machen?«

Angleton beugt sich über die polierte Oberfläche seiner Memex-Maschine. Mit sichtlicher Anstrengung dreht er das Microfiche-Lesegerät so, dass ich auf den Bildschirm schauen kann. Schließlich drückt er mit einem seiner knochigen Finger eine Taste und sagt: »Dann sperren Sie mal Ihre Augen und Ohren auf.«

In den Tiefen des Schreibtischs höre ich Zahnräder quietschen und Antriebswellen ächzen. Mit prähistorischer Präzision spuckt die Kiste Hypertext-Links aus und lädt automatisch neue Microfiches. Ein Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. Schnurrbart, Sonnenbrille, kurze Haare, um die vierzig mit Pausbacken. »Tariq Nassir al-Tikriti. Merken Sie sich diesen Namen. Er arbeitet für Saddam Hussein al-Tikriti, der aus dem gleichen Ort stammt. Nassirs Aufgaben bestehen unter anderem darin, Gelder von der Mukhabarat – Saddams geheimer Staatspolizei – zu befreundeten Dritten zu transferieren, um etwaigen Feinden der Ba’ath Partei im Irak Unannehmlichkeiten zu bereiten. Befreundete Dritte, wie zum Beispiel Mohammed Kadass, der, ehe ihn die Taliban aus Afghanistan verjagten, dort sein Unwesen getrieben hat.«

»Beruhigend zu wissen, dass sie nicht alle religiöse Fanatiker sind«, werfe ich ein, ehe ein bärtiges Gesicht, diesmal mit einem Turban auf dem Kopf, auf dem Memex erscheint.

»Er wurde vor die Tür gesetzt, weil er selbst den Taliban zu fanatisch war«, verbessert mich Angleton. »Wie sich herausstellte, hat er Yusuf Qaradawis Schule mit finanziellen Spritzen versorgt. Muss ich Ihnen ein Diagramm zeichnen?«

»Wohl eher nicht. Welche Art von Schule unterhält Qaradawi?«

»Er fing mit Management und Volkswirtschaft an. Dann erweiterte er sein Repertoire um das Training von Selbstmordattentätern und die Lehre von der Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes nach dem Da’wa und begann, militärische Vorbereitungen zu treffen, um den Kufr bekämpfen zu können. Neuerdings integriert er auch Mess-Metriken für rastergesteuerte, generative Sephirothe in Vektor-Prozessoren – sprich, er beschwört den Kleineren Shoggothim.«

»Und was hat das alles mit mir zu tun?«

Memex zeigt ein neues Photo auf dem Bildschirm. Diesmal ist es eine umwerfende Rothaarige, die über eleganter Kleidung eine akademische Robe trägt. Ich brauche einen Moment, ehe ich Mo erkenne. Sie muss auf dem Foto gut zehn Jahre jünger sein. Der Mann neben ihr im Smoking, der den Arm um sie legt, sieht verdächtig nach einem Anwalt aus. »Dr. Dominique O’Brien. Sie haben ja schon ihre Bekanntschaft gemacht.«

Ich schaue Angleton an, der wiederum mich anstarrt.

»Nun habe ich Ihre Aufmerksamkeit, nicht wahr, Mr. Howard?«

»Ja«, gebe ich zu. »Soll das heißen, dass die Entführer in Santa Cruz –«

»Seien Sie still und hören Sie erst einmal zu. Sie könnten etwas lernen.« Er wirft mir einen scharfen Blick zu, ehe er fortfährt. »Sie erfahren das alles nur, weil Sie schon mittendrin stecken. Unsere Hauptkandidatin haben Sie also bereits kennen gelernt. Als wir Sie in die Staaten schickten, wussten wir noch nicht, mit wem Sie es zu tun haben würden und was Dr. O’Brien entdeckt hatte. Die Amerikaner verfügten über diese Informationen, weswegen Dr. O’Brien das Land nicht verlassen durfte. Sobald ihnen allerdings die damit verbundenen Sicherheitsrisiken bewusst wurden, ließen sie Dr. O’Brien gehen. Sie ist keine Amerikanerin. Außerdem hatten sie sich ihre Forschungsergebnisse bereits angeeignet, die ganz interessant waren, aber nichts Weltbewegendes beinhalteten. Je mehr Informationen über Dr. O’Brien an die Öffentlichkeit gelangten, desto interessanter wurde sie für einen bestimmten Personenkreis, wie zum Beispiel die Anhänger von Izzadin al-Qassem, die sie in Santa Cruz zu kidnappen versuchten. Das gefiel den Amerikanern natürlich überhaupt nicht, und sie waren auf einmal froh, Dr. O’Brien loszuwerden. Nun ist sie hier unter unserer Kontrolle. Die Amerikaner haben sie nicht nur abgeschoben, sondern uns auch gebeten, uns um sie zu kümmern.«

»Wenn sie nichts Herausragendes gefunden hat, warum ist sie dann so wichtig?«

Angleton wirft mir einen seltsamen Blick zu. »Das lassen Sie mal meine Sorge sein.« Und dann fällt bei mir der Groschen. Nehmen wir mal an, ich könnte auf einmal eine Wasserstoffbombe bauen, was ja heutzutage nichts Besonderes mehr ist. Aber als unbedeutend würde es auch nicht abgetan werden. Angleton fährt fort: »Sagen wir es so: Dr. O’Brien hat unabhängig von uns etwas Bedeutsameres entdeckt als eine neue Brotform. In den Staaten hat sich sogar die Schwarze Kammer für sie interessiert, die zum okkulten Geheimdienst gehört, beteuerte aber nach monatelangen Untersuchungen, dass Dr. O’Brien nichts wirklich Neues gefunden hätte. Wir mögen zwar keinen bilateralen Kooperationsvertrag mit den Amerikanern haben, aber als sie erst einmal eruiert hatten, dass Dr. O’Brien nicht viel mehr als einer Alternative zur Logik von Thoth auf der Spur war, ließ ihr Interesse abrupt nach. Jetzt mussten sie nur noch aufpassen, dass sie nicht solch unerfreulichen Burschen wie unserem Freund Tariq Nassir in die Hände fällt. Nachdem dieses Wirrwarr schließlich auch aus dem Weg geräumt war –« Er starrt mich beim Wort »Wirrwarr« vorwurfsvoll an »– gab es keinen Grund, sie noch weiter festzuhalten.«

»Und das war alles? Ich habe diese Leute doch beobachtet. Sie wollten offenbar ein riesiges Tor öffnen und sie da durchschleusen –«

Angleton schaltet abrupt den Memex-Apparat aus und steht auf. »Offiziell ist nichts dergleichen geschehen«, weist er mich zurecht. »Es gibt keinerlei Zeugen oder Beweise. Wenn so etwas geschehen wäre, würde es bedeuten, dass die Amis einen gewaltigen Fehler begangen hätten, indem sie Dr. O’Brien freiließen, beziehungsweise uns in eine unmögliche Situation gebracht hätten. Aber wir wissen ja, dass die Amerikaner nie einen Fehler machen. Schließlich hat unser glorreicher Premierminister seine Lippen fest um eine der dicken Zigarren des amerikanischen Präsidenten gepresst – stets in der Hoffnung, den bilateralen Wirtschaftsvertrag, über den kommenden Monat in Washington verhandelt wird, unter Dach und Fach zu bringen. Muss ich noch deutlicher werden?«

»Nein, aber …« Ich halte inne. »Ach, sieh mal einer an. Offizieller Bericht von Bridget, oder?«

Zum ersten Mal entdecke ich in Angletons Mimik etwas, das bei grellem Licht betrachtet als Anzeichen eines Lächelns interpretiert werden könnte. »Dem kann ich leider nichts hinzufügen.«

Ich denke einen Moment lang scharf nach. »Es ist also nichts passiert«, sage ich mechanisch. »Es gab keine Zeugen. Wäre etwas geschehen, würde das heißen, dass wir eine tickende Zeitbombe mit offenen Armen willkommen geheißen hätten. Einige Terroristen erfuhren vielleicht ganz zufällig von einer Entwicklerin übernatürlicher Wasserstoffbomben, und ein schlauer Kopf bei der amerikanischen Marineaufklärung hatte daraufhin die Idee, diese Zeitbombe auf zwei Beinen uns zu überlassen. Sollte uns ein Fehler unterlaufen, sind die Amerikaner fein raus und haben politisch eine weiße Weste. Ich verstehe.«

»Sie arbeitet für den Rest ihres Aufenthalts hier rein forschungsorientiert in der Bibliothek«, erklärt Angleton gelassen. »Vielleicht möchten Sie die junge Dame ja mal zum Essen einladen. Es wäre in meinem Interesse, über ihre Forschungen aus zweiter Hand informiert zu werden, vor allem von jemandem, der so viel von Prädikatenlogik zu verstehen scheint wie Sie.« Er wirft einen Blick auf die Uhr. »Schon halb sechs. Sie wollen jetzt bestimmt Feierabend machen.«

Ich stehe auf und gehe zur Tür. Meine Hand greift bereits nach der Klinke, als Angleton noch mit tonloser Stimme hinzufügt: »Wie viele haben den Angriff auf Wadi al-Qebir überlebt, Mr. Howard?«

Ich halte in meiner Bewegung inne. Verdammt. »Zwei«, erwidere ich und merke, dass ich meinen Kehlkopf nicht mehr unter Kontrolle habe. Schon wieder eines dieser Kontrollfelder. Das Schwein hat sein Büro wie eine Verhörzelle verkabelt!

»Sehr gut, Mr. Howard. Die beiden waren die Einzigen, die ihrem Kommandanten voll und ganz vertrauten. Darf ich Ihnen vorschlagen, dass Sie sich von ihnen eine Scheibe abschneiden und in Zukunft Ihre Nase nicht mehr in Sachen stecken, die Sie nicht das Geringste angehen? Zumindest sollten Sie etwas geschickter vorgehen.«

»Ich –«

»Aber jetzt hinaus mit Ihnen, ehe ich mich noch über Sie lustig mache«, fügt er leicht amüsiert hinzu.

Ich gehe – verlegen und doch erleichtert.

 

Mo aufzuspüren ist nicht weiter schwierig, nachdem ich mich erinnert habe, dass mein Palmtop noch immer auf ihre Aura ausgerichtet ist. Mit dem Lift fahre ich zwischen den untersten Stockwerken hin und her, bis ich sie in einem der Leseräume der Bibliothek orte. Sie sitzt über einer alten Handschrift, deren Tinte hell unter Mos beleuchteter Lupe schimmert. Sie wirkt so vertieft, dass ich an den Türrahmen klopfe und warte.

»Ja? Oh, Sie sind es.«

»Es ist zehn vor sechs«, sage ich zaghaft. »In zehn Minuten wird Sie irgendein Orang-Utan im blauen Anzug hier einschließen. Manchen Leuten gefällt so etwas ja, aber Sie scheinen mir nicht zu dieser Sorte zu gehören. Deshalb dachte ich mir, ich könnte Sie vielleicht mit einem Glas Wein hier rauslocken. Ich schulde Ihnen ja auch noch eine Erklärung.«

Unbewegt erwidert sie meinen Blick. »Hört sich besser an, als einem Orang-Utan im blauen Anzug zu begegnen. Ich treffe jemanden um neun, aber eine Stunde kann ich mir leisten. Dachten Sie an irgendetwas Bestimmtes?«

Kurz darauf finden wir uns in einem überteuerten Schwachkopf-Nirvana namens Wagamama in der Nähe der New Oxford Street wieder. Man kann es gar nicht übersehen, denn die Schlange der Modeopfer steht hier bis weit auf die Straße, und manche warten schon so lange, dass sie versteinert zu sein scheinen. Das Wagamama hat eine riesige Küche aus rostfreiem Edelstahl und zahlreiche anscheinend australische Bedienungen auf Rollerblades, die mit aufgesetztem Grinsen die Bestellungen von ihren Palmtops in die Kasse einscannen, während sie um die klapprigen Mensatische flitzen. Dort sitzen sehr ernsthafte junge Dinger mit kleinen quadratischen Brillen, die den Einfluss Derridas auf Alcopop-Marketing in Bezug auf den nächsten großen Börsengang diskutieren – oder was auch immer diese Szenetypen augenblicklich als wichtig auserkoren haben –, während sie sich über ihre Gyöza beugen und die ihre japanischen Buchweizennudeln schlürfen. Mo schafft es, sich mir gegenüber am Kopf eines altersschwachen Tisches, der wahrscheinlich jede Nacht mit einer Mikrotom-Klinge poliert wird, auf eine Bank zu zwängen. Die Leute neben uns kichern hysterisch über irgendeinen Fernsehjob, und Mo wirft mir einen scharfen Blick zu.

»Das Essen soll nicht schlecht sein«, sage ich zu meiner Verteidigung.

»Darum geht es nicht«, meint sie und blickt über ihre Schulter. »Es sind die Leute. Alles so kalifornisch. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Müll schon London erreicht hat.«

Ein Bedienungs-Bot schießt an unserem Tisch vorbei und bombardiert uns aus der Ferne mit zwei supergekühlten, direkt aus flüssigem Stickstoff gefischten Kirin-Bierdosen. Mo fasst sie an und zuckt zurück, als ihre Fingerkuppen gefrieren. »Woher hat die Wäscherei eigentlich ihren Namen?«

»Hm.« Ich sammle meine Gedanken. »Soweit ich weiß, waren sie während des Zweiten Weltkriegs in einer beschlagnahmten chinesischen Wäscherei in Soho untergebracht. Erst als der Mülleimer in seinen Wolkenkratzer zog, bekam die Wäscherei Dansey House.« Um meine Bierdose zu öffnen, ziehe ich mir den Pullover über die Finger und gieße dann den Doseninhalt in ein Glas. »Claude Dansey wurde zum obersten Chef des SOE verdammt. Als eingefleischter SISler kam er mit den hohen Tieren einfach nicht zurecht. SOE galt während des Krieges sozusagen als Cowboy des britischen Geheimdienstes. Churchills Mandat für SOE lautete, das sich in deutscher Hand befindliche Europa in Flammen aufgehen zu lassen. Genau das haben sie auch versucht. Bis Dezember 1945 zumindest, als der SIS seinen Rachefeldzug startete.«

»Diese ganzen bürokratischen Machtkämpfe reichen also bis zum Zweiten Weltkrieg zurück?«

»Ja, schon.« Ich nehme einen Schluck Bier. »Aber die Wäscherei hat es mehr oder weniger heil überstanden, obwohl SOE als solches dem Erdboden gleichgemacht wurde.« Eigentlich sind das keine Themen, über die man sich in der Öffentlichkeit auslassen sollte. Ich hole meinen Palmtop raus und tippe darauf herum, bis sich ein kleines, aber feines Zusatzprogramm meldet.

»Was ist das?«, fragt Mo interessiert, während sich die Geräuschkulisse des Restaurants in ein leises Rauschen verwandelt.

»Ein Wäscherei-Palmtop. Sieht zwar ganz gewöhnlich aus, hat aber ein oder zwei Software-Überraschungen und eine Extra-Platine in petto.«

»Ich meine den Lärm – bilde ich mir das nur ein?«

»Nein, das ist Zauberei.«

»Zauberei! Aber –« Sie funkelt mich an. »Sie nehmen mich doch auf den Arm … Was ist denn hier los?«

Ich erwidere ungerührt ihren Blick. »Es hat Ihnen keiner etwas gesagt?«

»Zauberei!«, schnaubt Mo verächtlich.

»Also gut, dann ist es eben angewandte Mathematik. Ich dachte, Sie seien keine Anhängerin von Piaton. Das sollten Sie aber eigentlich. Diese kleinen Dinger –« Ich zeige auf meinen Palmtop »– sind die leistungsfähigsten mathematischen Werkzeuge, die wir jemals entwickelt haben. Bis etwa 1953 wurden sie jedesmal eigens entworfen, bis Turing sein letztes Theorem aufstellte. Seitdem haben wir die Zauberei in Form von QT systematisiert. Eigentlich handelt es sich nur um die praktische Anwendung der Kaluza-Klein-Theorie innerhalb eines Linde-Universums, das nach den Regeln des Informationserhaltungs-Gesetzes operiert. Oder so ähnlich. Jedes Mal, wenn wir etwas nachrechnen, hat dies zur Folge, dass Nebeneffekte durch eine kanalartige Substruktur des Kosmos sickern. Und da draußen im Multiversum gibt es interessierte Zuhörer, die wir manchmal sogar dazu bringen können, Tore zu ihrer Dimension zu öffnen. Kleine Tore, durch die wir Gedanken schleusen oder auch größere Tore, durch die Objekte passen. Und hier und da sogar Monster-Tore – groß genug, um etwas Riesiges zu transportieren. Denn manche Zuhörer im Multiversum sind riesig, und uns meistens weniger freundlich gesinnt. Ab und zu sind wir in der Lage, die örtliche Situation zu beeinflussen, ja sogar die Entropie zu steigern; und genau das tue ich gerade mit diesem Schalldämpfer-Feld. Ich bringe einfach die Luft um uns herum ein bisschen durcheinander, die sowieso schon recht ungeordnet ist. Das ist mehr oder weniger das Geheimnis hinter der Wäscherei.«

»So, so.« Mo nagt einen Moment lang auf ihrer Unterlippe und schaut mich abschätzend an. »Deswegen sind Sie also an mir interessiert. Haben Sie eigentlich genauere Details zu Turings Werk? Das würde mich interessieren.«

»Das ist als geheim klassifiziert, aber –«

»Ttyjdfshjwrtha rssradth aeywerg?«

Ich drehe mich um und schaue in das Gesicht einer Kellnerin, die uns wie ferngesteuert angrinst. »Einen Augenblick, bitte.« Ich drücke auf die »Pause«-Taste auf meinem Palmtop. »Entschuldigung, könnten Sie das bitte wiederholen?«

»Haben Sie sich entschieden?«

Ich zucke mit den Achseln und schaue Mo fragend an; sie nickt, und wir bestellen. Kaum ist der Bedienungs-Bot davongesaust, drücke ich wieder auf »Pause«. »Es ist nicht so, als ob ich mich freiwillig für die Wäscherei gemeldet hätte. Ich wurde eingezogen – fast so wie Sie. Einerseits ist es nicht gerade lustig, aber andererseits scheinen die Alternativen noch wesentlich weniger rosig zu sein.«

Jetzt sieht sie böse aus. »Was soll das denn heißen?«

Ich lehne mich zurück. »Fangen wir doch ganz einfach mal mit Ihrer Arbeit über Wahrscheinlichkeitstechniken an. Sie hielten das Ganze vermutlich für wenig relevant, von dem Interesse des strategischen Planungszentrums im Pentagon einmal abgesehen. Aber wenn wir es mit einer lokalisierten Entropie-Inversion verbinden, könnte es zu einer ziemlich unangenehmen Erfahrung für denjenigen werden, der am anderen Ende sitzt. Über die genauen Details bin ich mir nicht im Klaren, aber es soll etwas mit einer extrem ungewöhnlich ausgerichteten Beschwörung zu tun haben. Und wenn wir schon ein Messfeld für die Wahrscheinlichkeitsmetrik herstellen können, um spezifischen EIs zu lauschen –«

»EIs?«

»Externe Intelligenzen. Im Mittelalter wurden EIs als Dämonen, Gespenster, Geister und so weiter bezeichnet. Um es auf einen Nenner zu bringen; Außerirdische aus kosmologischen Weiten, wo das anthropologische Prinzip Gesetz ist und sich diverse intelligente Spezies entwickelt haben. Manche weisen übermenschliche Züge auf, andere können es nicht einmal mit dem IQ eines Zaunpfahls aufnehmen. Was jedoch zählt, ist die Tatsache, dass wir sie manchmal und mit etwas Glück benutzen, ja kontrollieren können. Manche können Wurmlöcher öffnen –negative Masse ist für sie nichts Außergewöhnliches – und sich selbst oder andere Wesen hindurchschicken. Soweit ich es begriffen habe, sind wir dank der generellen Unbestimmbarkeitstheorie in der Lage, sie zielgenau anzupeilen – so ähnlich, wie wenn man ein Telefonbuch benutzt, statt einfach die erstbeste Nummer zu wählen.«

Ein halbmondförmiger Teller voll Gyöza wird zwischen uns auf den Tisch gestellt, und wir verbringen die nächsten Minuten mit Essen. Danach kommt die Suppe, und ich jongliere mit Stäbchen und Löffel, um die Nudeln, die meinen, mir entwischen zu können, in meinen Mund zu befördern.

»Also«, fängt Mo an, nachdem sie ihre Suppe ausgetrunken und die Stäbchen über ihr Schälchen gelegt hat. Sie schaut mich ernst an. »Fassen wir mal zusammen. Ich bin also über etwas gestolpert, das die Wäscherei interessiert. Ganz so, als ob ich eine Atombombe entworfen hätte, ohne es zu merken. In diesem Land arbeitet jeder, der an so etwas dran ist, für die Wäscherei. Und jetzt hat die Wäscherei mich aufgesaugt, und Sie sollen mir den nötigen Hintergrund liefern, damit ich weiß, wo ich mich eigentlich befinde.«

»Meist in der schmutzigen Wäsche anderer Leute«, sage ich entschuldigend.

»Natürlich. Und die Idee, mich über alles auf den neuesten Stand zu bringen, kam von Ihnen? Was ist also in Santa Cruz wirklich passiert? Wer hat mich gekidnappt und was haben Sie dort gemacht?«

»Ich kann nicht behaupten, dass man mir nicht nahe gelegt hätte, diskret mit Ihnen zu sprechen.« Ich lege meinen Löffel auf den Tisch und drehe ihn nachdenklich um. »Die Wäscherei ist in erster Linie eine sich selbst am Leben erhaltende Bürokratie. Sie unterscheidet sich also kaum von irgendeinem anderen x-beliebigen Ministerium. Die Standardarbeitsanweisung für Außendienstler lautet, wenn sie in Schwierigkeiten stecken, die Zentrale zu beschützen, indem man die Fühler zurückzieht.« Ich drehe den Löffel erneut um. »Als ich nach England zurückkam, wurde ich strafversetzt, weil ich Ihnen gefolgt war. Selbst mein Boss konnte nur zusehen.«

»Sie sind mir was?« Mos Augen weiten sich. »Ich wusste gar nicht –«

Ich schneide eine Grimasse. »Die Standardarbeitsanweisung lautet, dass man sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen soll, wenn irgendetwas passiert. Aber was sollte ich tun? Sie klangen nicht gerade glücklich, als Sie mich anriefen. Also fuhr ich zu Ihrer Wohnung, um Ihnen von dort aus zu dem Haus zu folgen, wo man Sie festhielt. Von da aus rief ich Ihr Handy in der Hoffnung an, dass jemand freundlich Gesinnter mithört. Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich in einem Krankenhaus mit einem gewaltigen Kater aufwachte, ohne einen einzigen Tropfen Alkohol getrunken zu haben. Der amerikanische Geheimdienst nahm mich sofort in die Mangel. Zugegebenermaßen nicht sehr clever von mir, aber zumindest haben sie uns beide lebend rausgeholt. Als ich dann nach England zurückkam, erklärte man mir, dass nichts dergleichen vorgefallen sei. Sie seien nicht von grauen Herren aus dem Mittleren Osten gekidnappt worden, die vielleicht – vielleicht aber auch nicht – für einen Mann namens Tariq Nassir mit Verbindungen zu Yusuf Qaradawi arbeiten. Die Schwarze Kammer habe keinerlei Interesse an Ihnen. Denn wäre irgendetwas davon wahr, wäre das sehr, sehr schlecht, was wiederum meiner Vorgesetzten nicht gut tun würde. Und die ist derart scharf darauf, eine öffentliche Auszeichnung zu bekommen, dass man es zehn Kilometer gegen den Wind riechen kann.«

Mo sagt einen Moment lang nichts. »Ich hatte ja keine Ahnung«, meint sie schließlich. In ihren Augen funkelt es gefährlich. »Diese Männer hatten vor, mich umzubringen. Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört!«

»Nicht offiziell«, verbessere ich sie. »Aber inoffiziell kann ich so viel sagen: Bridget ist nicht die einzige Poker-Spielerin in der Wäscherei.« Ich zucke mit den Achseln. »Ein anderer Spieler möchte Genaueres über Ihre Geschichte wissen. Natürlich ganz inoffiziell.« Ich lasse meinen Blick durch das Lokal wandern. »Hier ist eigentlich nicht der geeignete Ort dafür. Sogar mit einem Wäscherei-Palmtop.«

»Ich …« Sie schaut auf die Uhr. »Ich habe noch eine Stunde, Bob. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie auf eine Tasse Kaffee mitkommen, ehe ich Sie dann hinauskomplimentiere. Ich möchte mehr wissen.« Sie sieht mich ernst an. »Aber um halb zehn ist Schluss. Ich habe eine Verabredung.«

»Okay.« Ich hoffe, dass man mir meine Enttäuschung nicht ansieht. Gleichzeitig verspüre ich eine gewisse Erleichterung, dass ich nun auf keinen Fall Gefahr laufe, Mhari eins auszuwischen. Außerdem ist Mo viel zu nett, um sie für ein derartiges Spielchen zu missbrauchen. Ich winke, und schon erscheint ein Kellner neben mir, ergreift meine Kreditkarte, zieht sie durch seinen Palmtop und wünscht mir noch einen schönen Abend.

Wir machen uns auf in Richtung Mos Wohnung. Sie liegt im Zentrum von Putney, umgeben von Weinbars und Cafes. Wir nehmen die Bahn, und sobald der Zug aus dem Tunnel ins Freie kommt, ist klar, dass wir in den Londoner Vororten gelandet sind. Wir steigen aus, und Mo eilt mit entschlossenem Schritt voran, sodass ich kaum nachkomme. »Ist nicht weit«, ruft sie. »Mehr oder weniger um die   Ecke.«

Wir laufen durch eine mit Laub übersäte Straße. Alles ist in das orangefarbene Licht der Laternen getaucht. Ich spüre bereits den kalten Hauch des Herbstes. »Hier ist es«, verkündet Mo schließlich und zeigt auf eine Tür etwas abseits von der Straße mit einer ganzen Reihe von Klingelschildern. »Ich wohne ganz oben im dritten Stock, unter dem Dach.« Sie stochert etwas mit dem Schlüssel im Schloss herum und öffnet schließlich die Tür. Wir stehen in einem dunklen Treppenhaus. Auf einmal läuft es mir eiskalt den Rücken herunter. Jeglicher Laut scheint plötzlich verstummt zu sein und auch das Licht der Laternen scheint zu verlöschen.

»Warten Sie –«, mehr kann ich nicht mehr sagen, ehe sich eine schwarze Gestalt aus dem Schatten löst und Mo von hinten erwischt.

Sie sackt leblos in die etwa zwölf Tentakel ihres Angreifers, der sie in die Tiefen des Treppenhauses zieht. »Verdammt!«, schreie ich, mache einen Schritt rückwärts und suche nach dem Multitool, das an meinem Gürtel hängt. Mit gezogener Acht-Zentimeter-Klinge schleiche ich ins Treppenhaus.

Ich höre einen gedämpften Schrei. Mo liegt vor der Tür zu einer Wohnung und schreit um ihr Leben. Irgendetwas, das an ein Nest aus tausend Schlangen erinnert, versucht, sie am Nacken in die Wohnung zu zerren. Das Energiefeld, das mein Gehör einschränkt, dämpft auch ihre Schreie. Das Tentakelwesen hat Mo an ihren Armen und am Oberkörper gepackt. Hinter ihr scheint die Tür zu pulsieren, und das Licht aus der Glühbirne über uns flackert.

Ich laufe zur Haustür, ziehe mein Handy raus und wähle eine Kurzwahlnummer, ehe ich das Gerät auf die Stufen vor dem Eingang schleudere. Dann atme ich tief ein und zwinge mich, da wieder reinzugehen.

»Hol es von mir weg!«, bittet mich Mo lautlos, während sie wie wild um sich schlägt. Ich beuge mich über sie und setze die Klinge an einen der Tentakel. Das Ding ist trocken und ledrig und windet sich wie eine gewaltige Schlange. Ich stoße mit aller Kraft zu.

Das Wesen auf der anderen Seite der Tür rastet nun völlig aus: Sogar das Energiefeld kann die Geräusche, die von drinnen kommen, nicht mehr dämpfen. Etwas Riesiges versucht die Wand zu durchbrechen. Die Tentakel ziehen sich enger um Mo zusammen, und ich habe eine Heidenangst, dass sie jeden Augenblick ersticken könnte. Eine schwarze Flüssigkeit sickert aus der Wunde, die mein Messer verursacht hat. Ich ramme den Tentakel mit der Klinge zu Boden und säble, was das Zeug hält. Es fühlt sich an, als würde ich einen Riesengummischlauch bearbeiten, der locker eine Güterlokomotive hätte antreiben können.

Mo schlägt immer noch wild um sich. Ihr Rücken ist gegen den Türrahmen gepresst, und sie rollt mit den Augen. Mit meiner freien Hand greife ich nach dem Tentakel an ihrem Nacken, und ein ungeheurer Schmerz breitet sich in meinen Fingern aus – als hätte ich in ein Bett von Rasierklingen gegriffen. Die schwarze, ölige Flüssigkeit spritzt inzwischen aus der Wunde, und ich passe auf, dass sie nicht meine Haut berührt. Wie lange brauchen unsere Leute eigentlich, um den Anruf zu orten und einen Installateur vorbeizuschicken? Schätzungsweise mindestens eine Viertelstunde. Vielleicht kann ich noch irgendetwas anderes tun.

Mit eisernem Griff packt etwas meine linke Fessel und schmettert mich so hart gegen den Türrahmen, dass mir mein Messer aus der Hand geschleudert wird. Da legt sich auch schon ein zweiter Tentakel wie ein Schiffstau um meine Hüfte und drückt zu. Tapfer versucht Mo, mir zur Hilfe zu kommen, schafft es aber nur, mir aus Versehen einen Kinnhaken zu verpassen. Kleine Sternchen schwirren ein oder zwei Sekunden lang vor meinen Augen, während ich mit der linken Hand, die sich wie ein rohes Stück Fleisch anfühlt, verzweifelt nach meinem Multitool suche. Ich muss doch etwas machen können! Hätte ich bloß mein Spezialfeuerzeug dabei. Ich greife in die Tasche, und meine Finger berühren den Palmtop. Okay, das wäre eine Idee.

Das grüne Licht des Displays schimmert in der Dunkelheit. Irgendetwas reißt an mir, aber es scheint schon viele tausend Kilometer weit weg zu sein. Piktogramme leuchten, schweben über dem Bildschirm. Ich berühre eines davon – ein rot durchgestrichenes Ohr. Das Display ist blutverschmiert, als ich das Geräuscheindämmungsfeld durchschneide und inbrünstig hoffe, dass es funktioniert.